Die Situation von Familien mit Kindern unter 3 Jahren    in der Corona-Krise / Stellungnahme der Frankfurter Familienbildungsstätten

Im Verlauf der Pandemie rücken einzelne gesellschaftliche Gruppen und Themen in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit. Die Perspektive der Familien mit kleinen Kindern ist dabei aus dem Blickfeld geraten.

 

Das Corona-Jahr 2020 mit dem 3-monatigen Lock-down und nachfolgenden

Verordnung zu Beschränkungen im Alltags-, Berufs- und Freizeitleben hat Familien bisher, insbesondere mit Kindern unter 3 Jahren, außerordentlich hart getroffen und sie wenig unterstützt und entlastet. Die innerfamiliären, psy-chischen sowie gesellschaftlichen Folgen sind nicht abzusehen.

Die Familien wurden mit ihrer Situation, ihren Sorgen und Ängsten häufig alleine gelassen. Vor, während und nach der Geburt fehlten Paaren, Eltern, Familien wesentliche Begleitungs- und Hilfesysteme.

 

"Die andauernde Dreifachbelastung als Arbeitnehmer*innen, Kinder-betreuer*innen und Erzieher* innen bzw. Lehrer*innen bringt viele Eltern an ihre Belastungsgrenze. Dabei verdeutlicht die Corona-Krise nicht nur die gespaltene Realität für Familien in Deutschland, sondern verstärkt diese zusätzlich. Diejenigen mit einer sicheren Ressourcenbasis können das Geschehen zumindest in Teilaspekten als eine „entschleunigte“ Zeit mit den Kindern bewerten. Je geringer jedoch die familiäre Ressourcenausstattung ist, desto mehr Belastungen treten in allen Lebensbereichen auf.“ (aus: Corona-Chronik, Gruppenbild ohne (arme) Kinder. Eine Streitschrift. Gerda Holz & Antje Richter-Kornweitz)

 

Mit Besorgnis blicken wir auf die mehrfach-belasteten Familien, die in der

momentanen Situation nicht beachtet und berücksichtigt werden. Familien, die nicht auf Unterstützungssysteme zurückgreifen können bzw. nicht einmal wissen, welche Möglichkeiten sie haben, vereinsamen und ziehen sich

zurück.

 

Die Kinder wiederum sind durch die Belastungen der Eltern ebenfalls massiv

gefährdet, da sie multifaktoriell bedingt eine noch geringere Chance auf

Beteiligung, Bildung und ein gesundes und sicheres Aufwachsen haben.

 

Die Corona-Krise verdeutlicht, dass es für Kinder und deren Familien keine

politische Lobby gibt, die auf Augenhöhe mit wirtschaftlichen Bereichen

angesiedelt ist. Bis zum jetzigen Zeitpunkt wurde versäumt, den politischen Auftrag zur Stärkung der Kinderrechte umzusetzen: (...) Bei allen Maßnahmen, die Kinder betreffen, ist das Wohl des Kindes ein wesentlich zu berücksichtigender Gesichtspunkt (...)“. (Hess. Landesverfassung Art.4 Abs 2).

 

Die Situation von Familien in freiwilliger oder angeordneter Quarantäne ist

dringend in den Blick zu nehmen. Insbesondere Alleinerziehende, die an COV-19

erkrankt sind, benötigen konkrete Unterstützungsmaßnahmen für die Betreuung ihrer Kinder. Dies umso mehr, wenn auch die Kinder COV-19 positiv sind. Hier können sozialräumlich organisierte und vernetzte Angebote der Frühen Hilfen in Zusammenarbeit mit den Angeboten des Gesundheitsamtes im Sinne des Case-Managements wirksam unterstützen.

 

Die Familienbildung gehört als erste Bildungseinrichtung und vor-präventive

Einrichtung für den Kinderschutz zur systemrelevanten Infrastruktur, weil sie

elementarste Leistungen für Familien grundsätzlich und vor allem in Umbruch-,

Not- und Konfliktsituationen bereitstellt und flexibel und zeitnah Bedarfe

erkennen, aufgreifen und in pass-genauen Formaten und Strukturen umsetzen

kann.

 

Die Familienbildung benötigt für ihre Arbeit Sicherheit und Stabilität und die

Anerkennung ihrer Leistungen auch in Form finanzieller Ausgleiche der

Mehraufwendungen und der wegbrechenden Eigenmittel aus Kurseinnahmen. Sie ist für viele Familienbildungsstätten in Frankfurt existentiell und wäre mehr als berechtigt/notwendig.

 

Solange die Bedeutung der Systemrelevanz von Familien, Kindern und Angeboten und Einrichtungen der Frühen Hilfen sowie deren Fachpersonal seitens der Politik nicht anerkannt und in den Beschlüssen von Maßnahmen nicht berücksichtig wird, bleiben Kinder und Familien in ihrem Wohl gefährdet.

 

Frankfurt, den 3. November

Fachfeld Familienbildung - Thesen, Hintergründe, Qualitätserhalt

Familie ist der erste Bildungsort eines Kindes.

Sie schafft Grundlagen und Parameter für alle kindlichen Bildungsprozesse.

 

Bildung ist ein wichtiger Baustein für eine lebendige, funktionierende Gesellschaft. Bildung für alle ermöglicht aktive Teilhabe, Selbstbewusstsein und Toleranz.

 

Fördern, nicht fordern.

Fördern bedeutet, eine Umgebung zu schaffen, in der das Baby sich nach seinem Rhythmus entwickeln kann, ohne dass wir es daran buchstäblich behindern.

Fördern bedeutet, Eltern in der oftmals krisenhaft erlebten Zeit des Übergangs von der Partnerschaft zur Familie zu begleiten und zu unterstützen.

Fördern bedeutet, bei Eltern und Kindern nicht die Defizite zu sehen, sondern vor allem die Fähigkeiten und Kenntnisse wahrzunehmen und zu bestärken.

 

Bildung durch Bindung.

Wie gelingt positive Förderung? Indem die Bindung zwischen Eltern und Kind bestärkt wird. Dies geschieht, weil die Familienbilderin im entsprechenden Setting eine vertrauensvolle Bindung zur Familie aufbauen kann. Der Auftrag von Familienbildung ist es, auf ganz unterschiedlichen Wegen und Zugängen zum Gedeihen der familialen Bindung beizutragen. Denn Vater und Mutter sind einfach die wichtigsten Moderatoren, Vorbilder und Bestärker für ihre Kinder.

 

Familienbildung als Dienstleister in Übergangszeiten.

Familienzeit ist Übergangszeit: vom Paar zur Familie, von der Familie in den Kindergarten, später zur Schule und in den Beruf; in Trennungs- und Veränderungsprozessen; in verschiedenen Lebensphasen bis hin zum Loslassen und Gehen. Hier schafft das Fachfeld Familienbildung den Ort und bietet die Anlässe, um Familien unangestrengt und einladend in diesen oft als schwierig erlebten Zeiten zu bestärken.

 

Eine Familie braucht heute vielfältige Erziehungs- und Alltags-bewältigungskompetenzen. Die aktuellen gesellschaftlichen Heraus-forderungen verlangen zudem ein hohes Maß an Flexibilität, das dem struktur- und haltgebenden Lebensrhythmus der ersten Jahre mit kleinen Kindern oft entgegen steht. Deshalb ist es so wichtig, dass die Bestärkung der ganzen Familie in Blick genommen wird, wenn wir die kindlichen Bildungsprozesse positiv beeinflussen wollen.

 

Professionelle Familienbildung ist wertvoll.

Sie arbeitet primärpräventiv und ist oft eng verknüpft mit Angeboten der Frühen Hilfen. Pädagogische Fachkräfte der Familienbildung schaffen den Raum für bindungs-fördernde Angebote und bieten qualifizierte und verlässliche Informationen und Vernetzungsmöglichkeiten. Darüber hinaus stellen sie eine wichtige Lotsenfunktion zu anderen Akteuren des Fachfeldes dar wie zum Beispiel Hebammen, Beratungsstellen der kommunalen Kinder-, Jugend- und Familienhilfe, Sportvereinen usw.

 

Und nicht zuletzt ist Familienbildung das einzige Setting, in dem alle Generationen (Kinder, Eltern und manchmal auch Großeltern) regelmäßig gesehen werden. Familienbildung ist im Kinder- und Jugendhilfegesetz (§ 16 SGB VIII) verankert. Sie ist ein eigenständiger Handlungsbereich präventiver Jugendhilfe, der mit anderen Leistungsfeldern der Kinder- und Jugendhilfe verbunden ist.

 

Angebote der Familienbildung werden zu allen wesentlichen Bereichen des Familienlebens angeboten. Sie zielen darauf, Familien zu stärken, zu ermutigen und zu entlasten, Lernprozesse in der Familie zu unterstützen und Erziehungskompetenzen zu stärken.

 

Kompetenzen der Familienbildung:

  •  Methodenkompetenz
  •  Sozialrechtliche Kompetenz
  •  kommunikative Kompetenz (systematische, theoriebasierte, methodisch vielfältige Gesprächsführung)
  •  Personale Kompetenz (Reflexionsfähigkeit, Empathie, Wertschätzung, professioneller Optimismus, Empowerment)
  •  Genderkompetenz
  •  Interkulturelle Kompetenz

Gesetzlicher Auftrag

Familienbildung arbeitet im Rahmen des

  • Kinder- und Jugendhilfegesetzes (§16 SGB VIII)
  • Frühe Hilfen – Bundeskinderschutzgesetzes,
  • Bildungs- und Erziehungsplans (BEP) Hessen 

Familienbildnerische Angebote beziehen sich in ihrer Arbeit auf den Bildungsbegriff des BEP und die darin ausformulierte pädagogische Haltung. Hauptziel ist dabei die Stärkung der Bildungs- und Erziehungs-kompetenzen in der Familie, damit gute Basiskom-petenzen für Bildung erworben werden. Alle am Bildungsprozess beteiligten Akteure sind in das Bildungsgeschehen eingebunden. Dabei werden wichtige Grundlagen für eine aktive Erziehungs-partnerschaft gelegt. Darüber hinaus liegt ein besonderer Fokus auf der Begleitung und Gestaltung von Übergängen: vom Kindergartenkind zum Schulkind, von der Schule zur Ausbildung, vom Paar zur Familie, vom Elternschaft zu Großelternschaft. Ein weiteres Thema ist der Blick auf einer gesunden Arbeits- und Lebens-Balance.

Familienbildung ist wissenschaftlich und theoretisch verortet in den Fachdisziplinen Frühe Kindheit / Frühe Bildung und Erwachsenenbildung.

 

Ihre Themenfelder sind vielfältig:

  • Gesundheit
  • Alltagskompetenzen
  • Ernährung
  • Finanzen
  • Demokratieverständnis in der Familie
  • Ressourcenschonung
  • Gemeinwesen

 

Familienbildnerische Angebote bieten Raum und Zeit für Menschen mit unterschiedlichen Wünschen und Bedarfen: sie sind Knotenpunkte, Anlaufstelle, Netzwerk und Informationsbörsen.  Alle Familien erhalten frühzeitlich, ganzheitlich, niedrigschwellig und wohnortnah bei der Gestaltung des Familienalltags Unterstützung. Hier sind Menschen aller Generationen und Kulturen willkommen und finden Möglichkeiten zum Austausch, für neue Kontakte, Bildung, Beratung und vieles mehr.

Qualitätserhalt

Zur Praxisreflexion und zum Qualitätserhalt finden regelmäßig Fachforen der AHF statt.

 

Zu relevanten Themen werden Qualifizierungsmodule angeboten, die auch einzeln gebucht werden können.